Warum Schalke abstieg. Das Drama in vielen Akten

Der Schalke Abstieg. Seit dem 30. Spieltag ist es amtlich: Der FC Schalke 04 steigt aus der Bundesliga ab. Erstmals nach 33 Jahren müssen die Königsblauen den Gang in die 2. Liga antreten; eine Tragödie, die sich lange angekündigt hatte. In diesem Artikel blicken auf die drei wichtigsten Gründe für den Abstieg von Schalke 04. Zunächst ein Exkurs in die Geschichte.

Schalke 04 Abstieg

Schalke 04: der Arbeiterklub, der sich nach Titeln sehnt

Schalke wurde 1904 gegründet, ein Arbeiterklub durch und durch, der schnell zum Aushängeschild der Kohlstadt Gelsenkirchen avancierte. Sechs deutsche Meistertitel gewann Schalke 04 – der letzte liegt 63 Jahre zurück. Wer besonders weit ausholen möchte, der könnte argumentieren, die Probleme fingen schon damals an.

Seit dem letzten Titel, 1958, hat sich die Schalker Selbsterwartung nie aufgelöst. Malochen auf der anderen Seite, glanzvoll gewinnen auf der anderen: Über 160.000 Menschen haben sich diesem Mantra verschrieben, nach Mitgliedern ist Schalke der viertgrößte Club der Welt. Das Problem: Näher als bei der dramatischsten Vizemeisterschaft der Bundesliga-Geschichte (2000/2001) kam Schalke seinem Ideal in der Fußball-Neuzeit nie. 

In den 20 Jahren seither erlebte der Klub durchaus noch einige seiner erfolgreichsten Spielzeiten. Acht Mal erreichte man die Champions League, fünf Mal wurde man Vizemeister. Zugleich wurde in dieser Zeit das “Fundament” gelegt für die Misere, die im Abstieg von Schalke im Jahr 2021 mündete. Im Zentrum dieser Entwicklung steht ein Fleischfabrikant aus Reda-Wiedenbrück: Clemens Tönnies.

 

Schalke Abstieg: Clemens Tönnies- Schalkes Held und Hassfigur

19 Jahre lang war Clemens Tönnies die prägende Figur auf Schalke: Als Aufsichtsratsvorsitzender war er an sämtlichen wichtigen Entscheidungen beteiligt – und er über die Jahre schuf er eine ungesunde Vereinskultur, die großen Anteil am Schalker Abstieg hat. 

Tönnies, Fleischfabrikant, ein Großindustrieller, für den Schalke immer auch ein Mittel zur Selbstdarstellung war, hebelte die demokratischen Vereinsorgane in Gelsenkirchen zunehmend aus; über die Jahre besetzte er immer mehr Posten mit Vertrauten und treuen Gefolgsleuten. Eine Kultur der Ja-Sager entstand, in der Tönnies schalten und walten konnte, wie es ihm beliebte.

Die schlimmste Folge dieser Entwicklung trägt den Namen Gazprom: 2006 holte Tönnies das Öl-Unternehmen als Hauptsponsor nach Gelsenkirchen. Mit russischen Millionen wollte Tönnies Schalke 04 zum Weltklub formen – zum Entsetzen der Basis. Der Gazprom-Deal machte endgültig klar, wohin die Reise gehen würde: Weg vom “ehrlichen” Kumpel-Verein, hin zum kommerziellen Großklub. 

In diesen Jahren büßte Schalke 04 Identifikationspotential ein, viele Fans distanzierten sich. Oder sie sahen machtlos zu, wie sich der Verein Richtung Abstieg erwirtschaftete – womit wir beim zweiten großen Faktor wären: Gigantismus

Gigantismus auf Schalke 04: Große Ambitionen, großer Schuldenberg

Immer schon träumte man auf Schalke davon, ein Klub von Weltrang zu sein. Schon Vereinslegende Rudi Assauer ging dafür riskante Wetten ein – immerhin belohnt mit dem UEFA-Cup-Sieg 1997 – doch Tönnies trieb diese Ambitionen zu weit. Er holte Gazprom ins Boot, um finanziell besser aufgestellt zu sein – eine krasse Fehlkalkulation. Dazu verpflichtete er 2010 Felix Magath als Trainer und Sportdirektor: Eine weitere Person, die enorm viel Macht in sich vereint und zur Basis kaum Berührungspunkte hat.

Magath blähte das Team auf, hatte stellenweise 36 Spieler gleichzeitig unter Vertrag – darunter große Namen wie Raúl. Harmonisch wirkten seine Kader nie. Sein Nachfolger Horst Heldt erwies sich zwar als grandioser Schadensbegrenzer – er baute rund 100 Millionen Euro Schulden ab und war mit Ralf Rangnick sportlich stark – doch seine Erfolge wurden ihm zum Verhängnis: Weil das Duo 2015/16 “nur” die Europa League erreichte, zu wenig für Tönnies, musste er gehen.

Unter Heldt-Erbe Christian Heidel ging Schalke endgültig zum Gigantismus über: 27 Millionen für Breel Embolo, 19 Millionen für Nabil Bentaleb, 16 für Sebastian Rudy. Schalke 04 lebte jahrelang über die eigenen Verhältnisse. Und weil zahlreiche Transfers floppten, blieb der sportliche Erfolg – sprich: die Refinanzierung – aus. 

Über 200 Millionen Euro Schulden hat der Klub aktuell, größtenteils Altlasten der Magath- und Heidel-Jahre. Hinzu kommen fehlende Zuschauer-Einnahmen durch Corona – für Schalkes Finanzen ein Schock. Insolvenz-Gedanken soll es bereits gegeben haben, sie wurden verworfen. Vorerst. Das Chaos bleibt. 

Chaos bei Schalke 04: Schulden, Rauswürfe, Abstieg

Am 30. Juni 2020 trat Tönnies zurück, nachdem es auf seinen Schlachthöfen diverse Corona-Skandale gegeben hatte. Schalker Fans feierten den Ausstieg wie einen Sieg – doch er war auch ein Problem: Tönnies hinterließ pures Chaos, ein Netz aus Abhängigen, das ohne ihn in sich zusammenfiel. Ein Mitglied des Ehrenrates fasste die Situation wohl am besten zusammen: “Es ist wie bei einer unterdrückten Ehefrau, die 20 Jahre lang unter einem herrischen Mann gelitten hat. Und plötzlich ist der Mann weg. Das schüttelt diese Frau nicht einfach ab.”

Es herrschen Uneinigkeit und Streiterei bei S04, eine klare Linie im Krisenmanagement scheint Lichtjahre entfernt. Rücktritt folgt auf Rücktritt – und unter all diesen strukturellen Problemen spielt ein überteuerter, disharmonischer Kader Fußball, dem neben der Klasse vor allem der Zusammenhalt fehlt. Daran konnten auch vier Trainer (!) in nur einer Saison nichts ändern.

Insofern scheint der Abstieg von Schalke 04 nicht mehr zu sein als die konsequente Folge jahrelanger Misswirtschaft: Tönnies, Gazprom, Magath, Heidel, Schulden, Entfremdung, ständige Personalwechsel – es sind diverse Faktoren, die auf Schalke unheilvoll zusammen kamen und nun den zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte verantworten. 

 

Benjamin Hoffmann

Experte für Fußball

Als Globetrotter fühlt sich Benjamin auf der ganzen Welt zu Hause. Deutschland, England, Italien und Australien sind nur einige seiner Zwischenstopps. Mittlerweile hat Benjamin sich auf Malta etabliert und ist somit am Puls des europäischen Marktes für Sportwetten. Seit 4 Jahren fühlt er sich hier schon zu Hause und kennt sich in der Branche bestens aus.
Seine Hauptaufgaben als Redakteur für Wettbonus.net sind die Bereitstellung und Veröffentlichung von neuen Texten, das Erstellen frischer und dynamischer Designs und außerdem übernimmt er die Social-Media-Kanäle, wie Facebook und Instagram. In seiner Freizeit ist er meistens auf dem Wasser anzufinden oder er erkundet die Insel mit seiner Kamera.